Aschkenasisches Leben in Russland

1793-1991: Zwischen Emanzipation und Shoah

Das 19. und 20. Jahrhundert war für die jüdische Bevölkerung in West- und Osteuropa gleichermaßen vor Allem durch das Versprechen der rechtlichen Emanzipation, aber auch von nie dagewesener Gewalt geprägt.

Mit den Revolutionen im Russland von 1917 standen aschkenasische Juden und Jüdinnen zuvor verwehrte gesellschaftliche Positionen offen. Lenin und Stalin waren jedoch prinzipiell Gegner der Idee einer jüdischen Nation sowie jüdischer kollektiver Selbstbestimmung.

Zarenreich & Frühe Sowjetunion

Als wichtige Stationen der aschkenasischen Geschichte im Zarenreich und der nachfolgenden Sowjetunion sind u. a. folgende Ereignisse und Phänomene zu betrachten:

  • Die Pogromwellen im russischen Zarenreich, beispielsweise im Kontext des Zarenmords von 1881.
  • Die Zunahme antisemitischer Propaganda von Nationalisten und radikalen Rechten. Ab 1903 fand im Zarenreich das auf einer Fälschung beruhende antisemitische Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“ Verbreitung.
  • Die Herausbildung eines jiddischsprachigen Vereinswesens und jiddischer Literatur, die durch Reformen nach dem Revolutionsversuch 1905 ermöglicht wurde.
  • Die Pogromwellen im Kontext der Russischen Revolutionen und des folgenden Bürgerkriegs 1917 bis 1921.
  • Die bolschewistische Repression gegenüber der jüdischen Religion und der zionistischen Bewegung in den 1920er Jahren.
  • Die frühe Nationalitätenpolitik der Bolschewiki, die die jiddische Sprache, jiddische Schulbildung und jiddische Literatur förderte.
  • Der Entschluss der Sowjetführung von 1928, in Birobidzan an der Sowjetisch-Chinesischen Grenze eine jüdische Republik zu gründen. Diese Maßnahme stand im Kontrast zur Assimilierungserwartung der Bolschewiki und muss als sowjetische Antwort auf den Zionismus gewertet werden. Der Versuch scheiterte jedoch: Gerade einmal 40.000 Juden und Jüdinnen siedelten sich in diesem jüdischen Verwaltungsbezirk an.
  • Die Integration der jüdischen Bevölkerung in das sowjetische System Anfang der 1930er Jahre: Als Teil einer städtischen, relativ gebildeten Nationalität waren sie in Partei- und Staatsapparat überproportional vertreten. Dies bedeutete jedoch auch, dass von den stalinistischen Säuberungen 1934-1939 stärker als der Rest der Bevölkerung betroffen war.
  • Der Vernichtungsversuch des nationalsozialistischen Deutschlands 1939-1945, bei dem 2,9 Millionen Juden und Jüdinnen aus der Sowjetunion ermordet wurden. Viele kämpften auch in der Roten Armee gegen die Deutschen.

Die Shoah als Zäsur?

Die Shoah muss in vielerlei Hinsicht als Zäsur für die Juden und Jüdinnen in Osteuropa und der Sowjetunion gewertet werden. Nicht nur brachte sie die jüdische Bevölkerung an den Rand der Auslöschung, auch leitete der Zweite Weltkrieg eine länger andauernde Periode des staatlichen Antisemitismus in der Sowjetunion ein. Unsere Tagung will u.a. diese hier zu Lande weniger bekannten Zusammenhänge beleuchten:

  • Die Zerschlagung des „Jüdischen Antifaschistischen Komitees“, das 1942 aus propagandistischen Gründen geschaffen wurde: 1952 wurden in diesem Kontext 25 Todesurteile und 100 Lagerhaftstrafen verhängt
  • DDie antisemitische Kampagne gegen Kosmopolitismus und Zionismus und damit verbunden die weitreichende Entfernung von Juden und Jüdinnen aus dem öffentlichen Leben der Sowjetunion.
  • Die sogenannte „Affäre der weißen Kittel“, die sich gegen jüdische Ärzte richteten. Diese wurden beschuldigt, Stalin vergiften zu wollen, womit die Sowjetführung auf ein uraltes antisemitisches Stereotyp zurückgriff.
  • Schauprozesse gegen jüdische Mitglieder der tschechoslowakischen KP-Führung und weitere geplante und durchgeführte Prozesse in den europäischen Volksrepubliken.
  • Das schwierige Verhältnis zwischen dem sowjetischen Staat und seiner jüdischen Bevölkerung auch nach Stalins Tod.

Nach dem Mauerfall hat die BRD Juden und Jüdinnen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die Umsiedlung ermöglicht, um jüdisches Leben in Deutschland wiederaufzubauen. Damit schließt sich historisch ein Kreis: Sie kamen zurück in die deutschsprachigen Regionen, aus denen viele ihrer Vorfahren vor langer Zeit während und nach den Pogromen der Kreuzzüge und der großen Pest geflohen waren.