Aschkenas in der jüdischen Erinnerung

1500-1800: Aschkenas wird zur Erinnerung

Im kollektiven Gedächtnis erzeugt der Begriff Aschkenas verschiedene Assoziationen und war einem kontinuierlichem Wandel unterlegen.

Formen der Erinnerung

Lange Zeit bestand die Erinnerung an Aschkenas als eine, an einen räumlich und zeitlich bedingten Gegenstand. Das heißt: Aschkenas war und bestand ungefähr bis in das 17. Jh. und stellt einen aus dieser Zeit gewachsenen Schatz an Erfahrungen dar.  

Israel ben Benjamin of Bełżec „Yalkut Hadash“, Lublin 1648, Public Domain Wikimedia

Es entstehen zwei Erzählungen:

  1. Von der Erinnerung an die SchuM-Städte und dem Bild Aschkenas als einer Wiege der Kultur und der Blüte des europäischen Judentums.
  2. Aschkenas als Ort der Konfrontation mit dem Christentum, dessen Geschichte von Antijudaismus, antijüdischer Verfolgung aber auch von jüdischem Widerstand und Perioden der religiösen Toleranz geprägt war.

Als wichtige Stationen sind zu benennen:

  • Die Verfolgungen und Pogrome im Rahmen des ersten Kreuzzuges (1096) und das Aufkommen des jüdischen Märtyrertums.
  • Die antijudaistischen Verfolgungen im Zuge der Großen Pest (1349) und die Entstehung antijudaistischer Stereotype.
  • Die Vertreibungswellen während des 15. Jh. aus vielen deutschen Städten und Territorien.
  • Die Erlasse von 1364 und 1367, mit denen der polnische König Kasimir III. vielen jüdischen Flüchtlingen ein Aufenthaltsrecht gewährte und ihre Rechtsstellung verbesserte. Dem vorausgegangen waren bereits das Statut von Kalisz (1264) und das Statut von Wislica (1334).
  • Die „Verhängnisse von 1648/49“ bezeichnet die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch russisch-orthodoxe Kosaken in den zur Adelsrepublik Polen-Litauen gehörenden Gebieten der heutigen Ukraine und Belarusslands. Sie resultierten in lokalen Vertreibungen.
  • Die Annexion von Gebieten Polen-Litauens durch das russische Zarenreich im Zuge der 1. und 2. Polnischen Teilungen zwischen 1772 und 1795 mit denen ein Großteil der aschkenasischen Juden und Jüdinnen zu Untertanen des Russischen Zarenreiches wurden.
  • Die Schaffung des sogenannten Ansiedlungsrayons im Westen des Zarenreichs durch Erlass von Zarin Katherina I (1791): Außerhalb dieser Gebiete war den meisten Juden und Jüdinnen die Ansiedlung im Russischen Reich verboten.